Johannes Kühn

Sekundär Literatur

Johannes Kühn

Johannes Kühn - Der Seismograph

"Unter ihm geh ich staunend hin,
verwünsch die Bombe,
die es treffen könnte,
und bin in Kriegsangst.
Aufdämmern lässt sie ein Flugzeug,
das noch höher fliegt
als das Haus steht,
in lauter Raserei voll Raketenlärm
am Mittagshimmel."

Diese Zeilen bilden den Schluss eines Gedichtes mit dem Titel "Hochhaus". Johannes Kühn schrieb sie am 31.01.2000. Christoph Buchwald und Lutz Seiler, die Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik, druckten das Gedicht im Band 2003 ab. Zwischen der Niederschrift des Gedichtes und seinem Abdruck in dem besagten Lyrikband hatte die Zerstörung der Türme des World Trade Centers, Symbole des Fortschrittsglaubens der Moderne, die Welt verändert. Es war daher naheliegend, dass Buchwald und Seiler in ihrem Nachwort auf die "prophetischen" Eigenschaften des Gedichtes verwiesen. (Erstveröffentlichung in der FAZ vom 13. Nov. 2001.)

 

Johannes Kühn lebt in dem kleinen saarländischen Dorf Hasborn, im Hunsrück-Vorland, einer bewaldeten Hügellandschaft. "Nie verließ ich den Hügelring" heißt sein letzter Gedichtband. Was macht diesen Dichter zum Seismographen, der seine Umwelt und die Welt in einer Weise erfasst, die geradezu seherische Eigenschaften vermuten lassen?

Hügelhinauf,
hügelhinab,
Mondsichelbögen sind gemalt
mit den grünen Kämmen,
niemand liest aus,
niemand liest aus die Schrift
der Ulmenbäume
am Ufer des Landwegs.

 

Johannes Kühns Dorf war in seiner Jugend noch ein Bauerndorf, das sich allmählich in ein Dorf von Tagespendlern verwandelt hat, die lange Zeit in der Kohle- und Stahlindustrie, später auch im Dienstleistungsgewerbe der Städte des Saarlandes arbeiteten und arbeiten. Felder und Wiesen waren ursprünglich der Besitz, von dem die Bauern lebten. Die Arbeit auf dem Acker bestimmte ihren Lebensrhythmus. Später verwandelten sich diese Felder und Wiesen für die Bergmannsbauern in Gegenden, durch die sie nun als Tagespendler fuhren. Waren die Bauern noch gezwungen, sich Kenntnisse des Bodens, jahreszeitliche Rhythmen bei der Bestellung der Felder anzueignen, machte das Auto und die Arbeit im Bergbau, der Eisenindustrie wie im Büro die Pendler unabhängig vom Rhythmus der Jahreszeiten wie vom jeweiligen Ort mit seinen spezifischen Eigenschaften. Die Hügel mit ihrem saftigen Grün, die von Bäumen begrenzten Wege erschienen nur noch als Landschaftsstriche in den Fenstern von Autos, Landstriche, die es zu passieren galt, Bildzugaben zu Distanzen, die überwunden werden mussten.

 

Der Fortschritt, und als solcher wurde diese Entwicklung empfunden, entpuppt sich so als eine Bewegung weg von der (konkreten) sinnlichen Erfahrung einer natürlichen Lebenswelt.

 

Gegen diese Fluchtbewegung von der konkreten, (sinnlich) hautnahe erfahrbaren Welt durch Schaffung einer Sekundär-Welt setzt Johannes Kühn eine Rückkehr zu den "Dingen". Worin besteht diese Umkehrbewegung?

 

Der Rhythmus der obigen Zeilen aus dem Gedicht "Die Landschaft schreibt" verweist bereits auf die Antwort: eine Sprache finden, erfinden, die mit ihrem Rhythmus, ihren Bildern, ihren Wörtern uns den Dingen wieder näher bringt.

 

Hügelhinauf,
hügelhinab

gibt den Rhythmus eines Menschen wieder, der diese Landschaft nicht durchfährt, sondern der sie ergeht. Die Landschaft schreibt sich in seinen Körper, und er, der Gehende, eignet sie sich durch Sprache an. Er kündet anderen von dieser Erfahrung. Wenn Heinz Schlaffer in "Die kurze Geschichte der deutschen Literatur" davon spricht, dass Dichtung die Erinnerung an eine archaische Welt, an vormoderne Wurzeln benötigt, dann lässt sich anhand der Dichtung von Kühn dies dahingehend (konkretisieren) beschreiben , dass Dichtung die modernistischen Auswucherungen funktionaler Sprachfelder, in denen die Welt im Hinblick auf ihren Nutzen und Gebrauch eingeteilt wird, wegschiebt, um ein Vorstossen zu den "Dingen" selbst zu ermöglichen.

 

Die "Dinge selbst" gehören einer Welt an, die unmittelbar durch die Handlungen von Subjekten erzeugt wird, hier durch die Bewegung in der Landschaft(, die Grundlage für deren Aneignung durch den Rhythmus des Gedichtes ist). Das Subjekt durchgeht die Landschaft und vergegenwärtigt sie sich und anderen durch die sprachliche Form des Gedichtes. Es geht Kühn um die Wiedergewinnung des menschlichen Maßes, das durch (die Moderne) moderne "Errungenschaften" zerstört wird.

 

An der Autobahn
endet der Weg,
sie hat ihn zerschnitten.
Wink ab, wenn du willst,
man pfeift über dich,
du hast zu begreifen,
dass dein Schritt,
dein Gemüt hier nicht zählen.

 

Die Autobahn hat den vom menschlichen "Schritt" ergehbaren Zusammenhang zerstört, hat seinen "Weg" unterbrochen.

 

Hier hatte der Weg noch Pappeln
und stieg hinan mit einer leichten Anhöh
zum Blau des Sommers.

 

Die Autobahn unterbricht nicht nur einen Weg, sondern zerstört eine ganze Erfahrungs- und Bilderwelt.

 

Auffällt, wenn man genau liest, dass Kühn nicht wertet. Er entwickelt ein Bild, durch das ein Riss geht. Er legt eine Wunde bloß und seziert sie. Der Dichter ist kein Moralist, er nimmt keinen ethischen Standpunkt ein , weiß aber, dass er in einer Welt lebt, in der sein Gemüt nicht zählt . (Vielmehr geht es i) I hm geht es um die Rückgewinnung einer ästhetischen Gesamtschau, in der das Ethische aufgehoben ist.

 

Immer wieder nimmt er Anlauf, diese sinnliche Welt in Bildern einzufangen, wie z. B. in dem Gedicht "Im Gasthaus".

 

Ins gelbe Bier
die gelbe Sonne fällt.
Die Schatten, schwarze Männer,
bellen an den Tischen.

 

Jetzt wird auch deutlich, was es heißt, dass Kühns Sprache bei den Dingen ist. Er löst die Wörter (hier z. B. "bellen") aus ihren zweckgebundenen Verwendungen, aus ihrem gewohnten aber auch abgegriffenen Alltagsgebrauch. Indem er sie in neue Kontexte setzt, erzeugt er neue Bedeutungen, und kreiert er eine neue Welt. Seine Sprache ist bei den Dingen, weil sie uns die Welt wesenhafter sehen lässt, ja diese dadurch neu für uns schafft.

 

In gelben Ölen
der Sonne gesalbt der Hügel
zum König. Nun herrscht er hinab
in die Täler mit dem Siegblick Licht
seinen Sommertag .....

 

Hier erscheint der Hügel nicht nur als König, er ist ein König, dessen Attribute das ganze Gedicht entfalten. Obwohl er mitten in der Landschaft steht, hält der Dichter zurecht fest "Keiner kennt dich Fürst". Er gehört einer Welt an, die da ist, aber buchstäblich von den Menschen, die sich in ihr bewegen, nicht gesehen wird.

 

Um diese anderen Welten , denen er nicht angehört, zu erschließen, prägt Kühn auch neue Wörter, wie z .B. die Selbstcharakterisierung "Winkelgast". Auffällt, dass er sich dabei die konkrete, sinnliche Bedeutung der Ursprungswörter in der Zusammensetzung zunutze macht. Beim Bilden des Wortes im Mund schmeckt man geradezu seine neue Bedeutung. Die Schaffung dieser neuen Bedeutung, der neuen Sehweise, wird selbst zur sinnlichen Erfahrung.

 

Johannes Kühn ist auf den ersten Blick kein politischer Schriftsteller. Hinter seinen Gedichten werden, wie schon ausgeführt, keine ideologischen oder im engeren Sinne moralischen Positionen sichtbar. Wer aber in ihm nur den selbstbezogenen Träumer sieht, verkennt die politische und soziale Sprengkraft des Sehers.

 

(Der Seher, das Wort "Winkelgast" bringt es auf den Punkt, ist Außenseiter. Sein) Der Widerpart des unvoreingenommenen, seismographisch registrierenden ´Winkelgast` ist der Realist, der sich eingerichtet hat in der Welt, für den die Welt klar gegliedert ist und der deshalb zu schnellen Urteilen und Handlungsanweisungen kommt. Der Dichter ist umgeben von solchen Realisten. Er trifft sie z. B. auf seinen Spaziergängen, wo sie seine Betrachtung stören, wie das Gedicht "Der Störenfried" bereits im Titel andeutet:

 

Wo Du stehst und Frieden hast mit einem Bild
der Frühlingsfelder, silberner Fische
Schwimmfahrten im Teich
oder dem Schneegewog, die Ebene zu bestaunen
gedrängt bist
bei der schönen Summe von Flocken
welche keiner zählt, er kommt da,
er als Wegnachbar, stört Dich
mit den Fragen,
was ich hier such,
wie es mir geht,
was ich da find,
(...)

 

Diese Männer, die sich nach ihrem Verständnis mit dem wirklichen Leben auseinandersetzen, haben für den Dichter nur Hohn.

 

und die Betrunkenen im Gasthaus lallen es laut
und speien den Vorwurf: Was, Verse!
Es reicht ein einziger nicht,
und hundert gebündelt werden kein Strick,
nur anzubinden ein Huhn.

 

Für den Realisten sind die Welten des Dichters Hirngespinnste, seine Worte weltfremd und inhaltslos. Für ihn gibt es nur eine Welt, die es nicht zu betrachten, sondern zu gestalten und zu durcheilen gilt. In dieser Welt sind Menschen wie der "Vorarbeiter Friedrich" gefragt:

 

Sie nennen ihn Minutenfresser,
Sie nennen ihn Herrn Brüllmann.

 

Der Realist hat sich in seiner Welt eingerichtet. Für ihn ist die Welt in Ordnung. Kühn erschüttert diese Ruhe, konfrontiert ihn mit den Schattenseiten seiner selbstgefälligen Existenz wie seiner abgegrenzten Welt, indem er ihn z. B. in den Stadtwald führt:

 

Schatten von Selbstmördern hängen im Wald. ...
Was auch
sollen Märchen von der Hexe!
Bleicher torkeln die Weiber aus den Sträuchern ...
Und man fand schon
Neugeborene verscharrt
wie junge Schweine nackt
im schwarzen Boden.

 

Die Realisten haben auch die Autobahn gebaut, ohne zu bemerken, was sie zerstörten. Sie bauten auch das Hochhaus und sahen es als Sieg des Fortschritts.

 

Keine Furcht,
dass es selber stürzt!
Seine Wurzeln aus Stein
haben die Baumeister tief in die Erde gerammt.

 

Für den Realisten existiert nur eine Welt und er glaubt ihre Gesetze zu kennen und zu kontrollieren. Er bemerkt nicht, dass gerade durch sein Handeln das menschliche Maß dieser Welt immer mehr verloren geht. Der Psychoanalytiker Arno Gruen beschreibt den Wahnsinn des Realisten als seine Leugnung des Menschlichen unter dem Deckmantel der Sorge für den Menschen.

 

Indem Johannes Kühn dieses menschliche Maß, den Reichtum der Erfahrungswelt des Menschen gegen die Eindimensionalität des Realisten wieder sichtbar und erfahrbar macht, wird er zum Seismographen seiner Zeit. Er ist ein Sehender nicht aufgrund einer die Zukunft visionär voraussehende Begabung, sondern augrund von Sensibilität, Geduld und Kraft, kurz einem klaren Blick, sich den Dingen anzunähern und sich ihnen auch zu stellen.

Am Beispiel des Hochhausgedichtes: Statt mythischer Zukunftssichtigkeit ist es dieser klare, weil nicht durch funktionsorientierte Unterscheidungen getrübte Blick auf das so weit in den Himmel hinausragende Hochhaus, das seine Verletzbarkeit erspüren, die Bedrohung aus der Luft erahnen lässt.

 

Wer ein solches Gespür, eine solche Aufmerksamkeit für seine Umwelt entwickelt, der sieht auch in die Zukunft. Stellt doch die Zukunft der Realisten nur eine Zeitbestimmung auf einer eindimensionalen Zeitachse dar, oder anders ausgedrückt: die prophetische Fähigkeit des (Seismographen) seismographisch Erschütterbaren deckt die Funktionalität unserer Zeitvorstellung selbst auf.

 

Der Sensibilität der Wahrnehmung entspricht eine Sprache, die zweckrationalem Denken entgeht, indem sie bei den Dingen und Menschen ist, eine Sprache, wie sie Kühn bereits bei seinem großen Vorgänger Hölderlin bewundert:

 

Freundschaft mit dem Volke
und heiligen Stätten
ist sie (die Sprache Hölderlins), des Sehers
Ansagung ist sie,
des Denkers Lösung
bringt sie .
Auserwählt war sie
zu Freundschaft mit Pflanzen
und Tier und Mensch.

 

 

Naturgemäß setzt sich diese Sprache mit den Landschaften und Menschen des Saarlandes auseinander, ist dies doch der Erfahrungsraum des Dichters, aus dem er seine Sprache entwickelt hat. Völlig verfehlt wäre es aber deshalb, Johannes Kühn als einen nur lokal relevanten Heimatdichter abzutun. An seiner Dichtung zeigt sich, je genauer, je differenzierter und je konkreter die Erfahrung und Sprache ist, umso universeller ihre Aussage. Es bewahrheitet sich das Bild der Monade von Leibniz, jede einzelne Monade spiegelt die ganze Welt, man muss nur in der Lage sein, alle ihre Beziehungen zu allen übrigen Gegenständen zu sehen.

 

Dieses Sehen und Erfassen der kleinen Dorfwelt des Saarlandes macht die Dichtung Kühns universell, Zeit- und Raumgrenzen überschreitend.

 

 

Bernd M. Scherer

Goethe-Institut Mexiko

 

Bedanken möchte ich mich bei Irmgard und Benno Rech für ihre weiterführenden Kommentare