Johannes Kühn

Er ist kein Heimatdichter - und er ist es doch. Ein Poet zwischen Pléiade und Provinz.
Jochen Hieber zu Johannes Kühn in der FAZ


Johannes Kühn

Johannes Kühn (Jhrg. 1934) ist „einer der meistgelesenen Dichter unserer Tage“, schrieb Michael Krüger, der Verleger von Hanser, zur Vorstellung des neuen Buches „Und hab am Gras mein Leben gemessen“ (2014). Dabei blieb Kühns Werk lange unbeachtet. Erst „Ich Winkelgast“ (1989) brachte den Durchbruch. „ Allenthalben zeigten Kenner sich elektrisiert von der Bildkraft dieses Dichters, der klassischen Anmut seines Tons, der Genauigkeit der Beobachtungen. Hier schöpft einer, das spürt man, aus Erlebtem, nicht aus Erlesenem, erzählt eigenwillig und in freien Rhythmen von Baggern und Raben, von Betrübten und Betrunkenen, vom Mond und von der Zeitung, vom Schaumberger Land und vom Dorf, das ihm ein tausendfältiges Universum ist.“ (Klaus Brill in der Süddeutschen Zeitung)

Seine Gedichte sind dem Saarland verbunden, insbesondere dem St. Wendeler Land. Zwei Titel bezeugen es: „Meine Wanderkreise“ und „Nie verließ ich den Hügelring“. Bezeichnenderweise gibt es von ihm einen dicken Band mit Gedichten in Hasborner Mundart „Em Guguck lauschdre“(1999). Und zur Beendigung des Bergbaus im Saarland erschien „Zu Ende ist die Schicht. Bergmannsgedichte“ (2013). Kühns Landsmann Bernd Scherer, der Intendant des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, schreibt hinsichtlich seiner Heimatverbundenheit: „Völlig verfehlt wäre es aber deshalb, Johannes Kühn als einen nur lokal relevanten Heimatdichter abzutun. An seiner Dichtung zeigt sich: Je genauer, je differenzierter und je konkreter die Erfahrung und Sprache ist, um so universeller ist die Aussage.“ Worin sieht Scherer die Einzigartigkeit seines Landsmannes? „Die Gedichte von Johannes Kühn fördern die durch den Rationalitätsanspruch und Vernunftglauben der Moderne verdeckten Tiefenschichten menschlicher Erfahrung und Existenz wieder zutage. Sie unterlaufen und konterkarieren dabei die vom modernen Denken postulierten Dichotomien.“

Immer wieder wurden Gedichte von Johannes Kühn in wichtige internationale Anthologien aufgenommen, ganz prominent in die Bibliothèque de la Pléiade. Dort mit den meisten Gedichten von allen lebenden deutschen Dichtern. Der Band heißt: „Anthologie bilingue de la poésie allemande. De Dietmar von Aist à Johannes Kühn“. Jean Pierre Lefebvre, der Herausgeber, begründete diese Entscheidung vor Übersetzern: „Ich habe Johannes Kühn ans Ende meiner Anthologie platziert, ihn so ausführlich zu Wort kommen lassen, weil ich den Deutschen ein Signal setzen wollte, welchen ihrer Dichter wir Franzosen besonders schätzen.“ Inzwischen gibt es viele Übersetzungen: drei Bände auf Spanisch, zwei Bände auf Französisch, einen Band auf Japanisch (ein besonders schönes Buch). Außerdem haben ihn eine ganze Reihe fremdsprachiger Zeitschriften abgedruckt, so in Italien, Polen, Tschechien bis zu den USA.

In den sechziger und siebziger Jahren hat Johannes Kühn eine Reihe von Theaterstücken (meist Einakter) geschrieben. Sie werden wie seine Märchen und die Jugend-Erzählung „Ein Ende zur rechten Zeit“ im Vergleich mit den Gedichten weniger wahrgenommen. Einige der Stücke davon wurden aufgeführt: Der Einakter „Die Totengruft“ 1966 auf der Probebühne der Dramatischen Werkstatt Salzburg. Weitere Aufführungen gab es 1990 in der Kristallerie Wadgassen, 1991 in der Saarländischen Landesvertretung Bonn. Noch im selben Jahr führte das Theater Arnual (kleine Bühne des Saarländischen Staatstheaters) „Geigenmensch“ mit Harald Krassnitzer in der Hauptrolle auf. 2000 spielte das Liquid Penguin Ensemble in Neunkirchen die beiden Einakter „Der Heimatkundler“ und „In einer Café-Ecke“. 2004 richtete Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr einen Johannes-Kühn-Abend ein. Ebenso gab es 2004 einen Johannes-Kühn-Abend am Staatstheater Mainz.

2000 wurde das Oratorium „Luzifer. Löwe, leih mir deine Stimme“, vertont von Theo Brandmüller, auf der Expo in Hannover und in einer Wiederholung auf dem Weltmusikfest in Luxemburg aufgeführt. 1999 hat Volker Blumenthaler mit „…gewachsen ins Auge“ eine musikalische Annäherung an Texte von Johannes Kühn für Sopran, Klarinette, 2 Violinen und Violoncello komponiert. 2011 hat Christian Brembeck Kühns Bach-Zyklus an der Orgel der Klosterkirche in Tholey interpretiert.

Irmgard und Benno Rech haben, außer den beiden ersten schmalen Bänden, alle anderen Bücher von Johannes Kühn herausgegeben, d.h. sie haben die Gedichte mit Autor zusammen ausgewählt und meist mit einem Nachwort versehen. Sie haben mit Unterstützung von Ludwig Harig die Verlage für seine Bücher gesucht und gefunden. Sein Hausverlag wurde Hanser.

Johannes Kühn wird von den unterschiedlichsten Autoren geschätzt, auch gefördert, insbesondere von Ludwig Harig, Reiner Kunze, Peter Rühmkorf, Wulf Kirsten, Wilhelm Genazino, Elisabeth Borchers, Peter Handke, Martin Mosebach, Michael Krüger, Harald Hartung, Alain Lance. Ein überraschendes Beispiel der Wertschätzung: Der Nobelpreisträger Vargas Llosa wünschte sich Johannes Kühn 2002 als Compagnon für eine gemeinsame Lesung auf dem Literatur-Weltkongress in Tampico / Mexiko. Die Zeitung El Diario schrieb: „Dieses Festival begann auf einem außerordentlichen Niveau, und zwar mit dem Peruaner Mario Vargas Llosa, mit Billy Collins aus den USA und Johannes Kühn aus Deutschland, Persönlichkeiten von solcher Größe, dass es sich (für die kommenden Jahre) nicht mehr überbieten lässt.“

Das Ehepaar Rech begleitet seit Jahren den Dichter Johannes Kühn. Einer von beiden trifft sich täglich außer sonntags mit ihm im Gasthaus Huth, um mit ihm die drei Gedichte des vergangenen Tages zu besprechen. Die Freundschaft zwischen Johannes und Benno Rech begann in der ersten Klasse des Gymnasiums. Beide waren Klassenkammeraden im Missionshaus St. Wendel. Schon in der dritten Klasse des Gymnasiums begann Johannes Kühn das Dichten als eine Hauptbeschäftigung anzusehen. In der zehnten Klasse wurde er krank (Nasse Rippenfellentzündung) und konnte kein Abitur machen. In Saarbrücken und Freiburg hat er dann mit Benno Rech und Alois Bommer zusammen studiert. Johannes Kühn allerdings als Gasthörer. Auf diesem Weg kam er zu einer fundierten germanistischen Bildung.

Ein Kühn-Archiv ist im Hause Rech eingerichtet. Es wird nach den Kriterien des Marbacher Literaturarchivs geführt, damit sein Werk dort später direkt in die Sammlung eingefügt werden kann.

Johannes Kühn hat an vielen Orten gelesen unter anderem im Goethe-Haus am Frauenplan in Weimar, in München, Berlin, Düsseldorf, Köln, im Aachener Dom, Frankfurt, Straßburg, Wien, Madrid, Sevilla, Toledo, Mexico-Stadt, Tampico, Cadenabbia. Vorgelesen und kommentiert wird in der Regel zu dritt.

In den Schuljahren 1992/93 und 1993/94 war Johannes Kühn Abiturdichter im Saarland.

Bis vor wenigen Jahren gab es für seine Zeichnungen (entstanden hauptsächlich in der Zeit seines Verstummtseins zwischen 1984 und 1992) ein Schattendasein. Aus Anlass von Kühns 80. Geburtstag hat der saarländische Künstler Francis Berrar zwei Ausstellungen kuratiert, die eine im Dillinger Schloss und die andere im Museum Ludwig in Saarlouis. In der Festschrift, die Berrar mit I. und B. Rech unter dem Titel „Und es scheint, als sei im Kopf ein gütiges Feuer angezündet“ herausgegeben hat, wird das zeichnerische Schaffen von Johannes, dokumentiert, und es werden Zugänge angebahnt. Davor gab es 1993 eine von Roswitha Wolf, Isabelle Federkeil und Joachim Ickrath ausgerichtete allererste Ausstellung im Zwinger zu St. Wendel unter dem Titel „Traumbilder. Zeichnungen eines Dichters“. 1994 gab es eine intimere Ausstellung im Christian-Wagner-Haus Warmbronn. Die Eröffnungsrede mit dem Titel „Bilder des Sommers wechselnd. Johannes Kühn als Maler“ hielt Ludwig Harig. Einen weiteren Einblick in das zeichnerische Werk gab Francis Berrarr 1995 in der Galerie Kulas, Saarlouis, und 2009 im Alten Schloss durch den Kunstverein Dillingen (Vorsitzender war seinerzeit der Kühn-Förderer Gerhard Leonardy). Auch dazu erschien, ebenfalls von Francis Berrar eingerichtet, ein reichhaltiger Katalog: „Johannes Kühn. Zeichnungen1984 – 1992“. Warmbronn, Verlag Ulrich Keicher.