Johannes Kühn

Johannes Kühn

Hochhaus

Das Hochhaus wirkt sieggewaltig
wie ein Handgriff in den Himmel.
Stockwerk an Stockwerk dringt empor.
Am obersten Fenster stehend
sähst du spielend
auf die Rücken
von Habichten und Lerchen,
wenn sie kämen,
auch Krähen,
an den Rand der Stadt,
um es zu sehen,
um es zu umfliegen.

Auf die anderen Häuser sähst du tief hinab,
die ringsum unter ihm stehn
wie niedere Knechte.
Kalkweiß dein Gesicht
vor der Tiefe,
Hinabsturz
kein Kinderspiel,
keine Mannestat,
Tod.

Keine Furcht,
daß es selber stürzt!
Seine Wurzeln aus Stein
haben die Baumeister tief in die Erde gerammt.
Und die Wände, daß in Wohnungen sie
Sicherheit für Kind, Mann und Frau,
haben sie sorglich
aus bestem Mörtel gefügt,
Stahlstrang und Stahlstrang
zieht sich durch steinharte Haut.

Teufelsmüh schmerzte den Männern in Gelenken,
den Männern allen
an diesem Haus
in Arbeit
durch Monat und Monat,
da das Bauwerk wuchs.


Unter ihm geh ich staunend hin,
verwünsch die Bombe,
die es treffen könnte,
und bin in Kriegsangst.

Aufdämmern läßt sie ein Flugzeug,
das noch höher fliegt
als das Haus steht,
in lauter Raserei voll Raketenlärm
am Mittagshimmel.



(Dieses Gedicht schrieb Johannes Kühn am 30.1.2000, also anderthalb Jahre vor dem Ereignis.)